Ein Haus voller Ideen für eine nachhaltige Zukunft – Das NAWAREUM in Straubing

Ein Holzgebäude mit der Aufschrift „NAWAREUM“ steht in einem blühenden Garten. Ein Weg aus Rindenmulch führt zum Gebäude. Der Eingang des Gebäudes ist von vielen senkrechten Holzsäulen eingerahmt.

Vom Passivhaus-Standard über einen insektenfreundlichen Garten bis hin zu interaktiven Ausstellungen zeigt das NAWAREUM in Straubing, wie sich Nachhaltigkeit auf allen Ebenen konsequent umsetzen lässt und macht sie für Besuchende aller Altersgruppen erlebbar.

Wie sieht ein Museum aus, das Nachhaltigkeit nicht nur thematisiert, sondern in jeder Faser lebt? Das NAWAREUM in Straubing gibt eine klare Antwort. Schon das Gebäude selbst erfüllt höchste Energiestandards, die Ausstellung inspiriert mit positiven Beispielen für umweltfreundliches Handeln und auch Betrieb, Veranstaltungen und Museumsgarten folgen einem ganzheitlichen Ansatz. Im Gespräch geben Dr. Vanessa Roden, Direktorin NAWAREUM, Ines Zirngibl, Kuratorin, Annette Hartmann, Museumspädagogin und Florian Völkl, Haustechnik und Außenanlagen, sowie Peter Turowski, Abteilungsleiter Zentrale Dienste TFZ, Rückschlüsse darauf, wie ein umfassendes Konzept umgesetzt wird, welche technischen Lösungen hinter dem energieeffizienten Bau stecken und wie es gelingt, Menschen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen einzubeziehen.

Nachhaltigkeit und Klimaschutz stehen im Fokus der Ausstellung. Dabei setzen wir auf starke visuelle Elemente: Zahlreiche Grafiken und Kunstwerke machen komplexe Zusammenhänge wie den Klimawandel und seine Folgen anschaulich und leicht verständlich. Gleichzeitig war es uns wichtig, nicht nur Probleme zu thematisieren, sondern auch konkrete und positive Anwendungsfälle aus unserer Lebenswelt aufzuzeigen, die bereits existieren.“

Ines Zirngibl, Kuratorin NAWAREUM

NAWAREUM von außen

Nachhaltigkeit ist der Kern des NAWAREUMs – wie spiegelt sich dieser Anspruch im gesamten Konzept des Hauses wider, von der Ausstellung bis zum Gebäude?

Nachhaltigkeit durchzieht das NAWAREUM auf allen Ebenen – vom Gebäude über die Ausstellung bis hin zum Betrieb. Der Museumsbau entspricht den Standards eines Passivhauses: mit besonders effektiver Dämmung und zahlreichen Bauteilen aus nachwachsenden Rohstoffen, vor allem Holz. Die Energieversorgung erfolgt durch erneuerbare Energien – mittels oberflächennaher Geothermie, Solarthermie und Photovoltaik.

Dabei vermitteln wir naturwissenschaftliche und technische Grundlagen, zeigen die Funktionsweise des Klimasystems, thematisieren die Folgen des Klimawandels und der Naturzerstörung und präsentieren Lösungsansätze im Bereich der erneuerbaren Energien und nachwachsenden Rohstoffe.

Auch in unserem museumspädagogischen Programm steht die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit im Fokus. Das gesamte Haus folgt einem ganzheitlichen Ansatz: So bevorzugen wir bei Beschaffungen regionale Partnerinnen und Partner, nachhaltig produzierende Gewerke sowie ökologische Materialien und Produkte. Bei Veranstaltungen – sowohl intern als auch extern – setzen wir auf die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und Einwegplastik sowie auf umweltfreundlichere Alternativen.

Im Museumsshop bieten wir Upcycling-Produkte und Waren aus nachwachsenden Rohstoffen an, bevorzugt von regionalen Anbietenden. Und nicht zuletzt steht unser naturnaher, insektenfreundlicher Garten exemplarisch für eine nachhaltige Bepflanzung.

Das Gebäude wurde nach Passivhaus-Standards errichtet und nutzt ausschließlich erneuerbare Energien – können Sie uns einen einfachen Überblick über die wichtigsten technischen Systeme und deren Zusammenspiel geben?

Ein Teil des Strombedarfs wird durch eine Photovoltaikanlage gedeckt, die aus 151 Modulen besteht, eine Fläche von 271 m² umfasst und eine maximale Leistung von 53 Kilowatt erzielt. Der restliche Strom wird aus 100 Prozent regenerativen Quellen zugekauft.

Für Heizung und vor allem Kühlung – was bei einem so gut gedämmten Gebäude die größere Herausforderung darstellt – kommt ein Zusammenspiel mehrerer Systeme zum Einsatz. Zunächst wird im Sommer durch 41 Erdsonden der Erde Kälte entzogen. Reicht dies nicht aus, übernehmen zwei Wärmepumpen die Kühlung. Beide Systeme nutzen die sogenannte Bauteilaktivierung: eine Form der Fußbodenheizung, die sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen eingesetzt werden kann.

Zusätzlich kann die Luft der Lüftungsanlagen gekühlt werden: durch eine solare Kühlung mittels einer DEC-Anlage (engl. Desiccative Evaporative Cooling; Kühlung durch Verdunstung und Trocknung). Als Wärmequelle werden hierfür 55 thermische Solarkollektoren mit einer Fläche von 128 m² genutzt.

Die Beheizung des Gebäudes erfolgt ebenfalls über die Wärmepumpen sowie über einen Fernwärmeanschluss an das Hackschnitzelheizwerk des Technologie- und Förderzentrums (TFZ). Sämtliche Lüftungsanlagen sind mit zentraler Wärmerückgewinnung ausgestattet.

Welche Erfahrungen haben Sie im laufenden Betrieb mit der Energieeffizienz des Hauses gemacht? Gibt es messbare Erfolge oder besondere Erkenntnisse?

Die Photovoltaikanlage ermöglicht es uns, rund 98 Prozent des erzeugten Stroms selbst zu nutzen. Damit decken wir etwa ein Fünftel unseres Gesamtstrombedarfs.

Aus dem Fernwärmenetz beziehen wir jährlich rund 20.000 Kilowattstunden – ein Wert, der in etwa dem Wärmebedarf von zwei bis drei modernen Einfamilienhäusern entspricht. Der überwiegende Anteil der Wärmeerzeugung entfällt somit auf die Wärmepumpen.

Insgesamt zeigt sich der Betrieb des Gebäudes als sehr energieeffizient – auch wenn uns für eine weiterführende Bewertung bislang die Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Museen dieser Art fehlen.

Wie gelingt es Ihnen, verschiedene Altersgruppen und auch Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen einzubeziehen?

Für mobilitätseingeschränkte Personen oder Familien mit Kinderwagen ist die Ausstellung gut zugänglich. Um möglichst viele Menschen anzusprechen, setzen wir auf ein mehrschichtiges Vermittlungskonzept, das unterschiedlichen Interessen, Altersgruppen und Bedürfnissen gerecht wird.

Mit unseren vielseitigen Schulklassenprogrammen erreichen wir Schülerinnen und Schüler aller Altersstufen – von der Grundschule bis zur 13. Klasse. Für Lehrkräfte bieten wir ergänzend spezielle Informationstage an. Die Ausstellung selbst ist so gestaltet, dass sie eigenständig von Erwachsenen sowie von Kindern ab 12 Jahren erkundet werden kann. Für jüngere Gäste ab 6 Jahren gibt es eine eigene Kinderlinie sowie interaktive und spielerische Stationen, die gleichzeitig Erwachsene zum Mitmachen anregen. Zusätzlich stellen wir vertiefende Informationen bereit, die sich an besonders interessierte Gäste richten und auch fachlich anspruchsvollere Inhalte vermitteln.

Ergänzt wird das Angebot durch spezielle Workshops und Führungen, die auf Anfrage individuell an die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe angepasst werden. Auch Führungen für Menschen mit Sehbehinderung und in Gebärdensprache werden angeboten. Diese wurden in enger Zusammenarbeit mit inklusiven Organisationen und Beratungsstellen entwickelt. So stellen wir sicher, dass alle Menschen – unabhängig von ihren Voraussetzungen – nicht nur passiv erleben, sondern aktiv teilnehmen und sich einbringen können.

Was ist das Besondere an Ihrem Museumsgarten und welche Rolle spielt er in der Vermittlung von Themen wie Biodiversität, Kreislaufwirtschaft und nachwachsende Rohstoffe?

In unserem Museumsgarten verzichten wir vollständig auf synthetische Pflanzenschutzmittel und setzen auf trockenresistente Kulturen, die gezielt an Wassermangel angepasst werden – gegossen wird nur minimal. Sogenannte „Unkräuter“ oder Beikräuter lassen wir teilweise bewusst stehen. Das fördert die Artenvielfalt und zieht Nützlinge an, wodurch wir auf chemische Mittel verzichten können.

Gedüngt wird ausschließlich organisch, etwa mit granuliertem Kompost oder durch gezielte Gründüngung. Diese Maßnahmen verbessern die Bodenqualität, erhöhen den Humusgehalt und fördern somit die Wasserspeicher- und Nährstofffähigkeit – was wiederum gesunde Pflanzen zur Folge hat. Im kleineren Umfang kompostieren wir auch direkt vor Ort, um organische Abfälle im Kreislauf zu halten. Viele Pflanzen lassen wir über den Winter unbeschnitten stehen, um Insekten und Kleintieren Rückzugsorte zu bieten – ein weiterer Beitrag zur ökologischen Vielfalt.

Darüber hinaus stellen wir im Garten Kulturen vor, die sowohl energetisch, stofflich als auch medizinisch genutzt werden können. So wird der Garten zu einem Ort des Lernens über Biodiversität und die Potenziale nachwachsender Rohstoffe.

Welche Überlegungen standen bei der Materialwahl der Ausstellung im Vordergrund und wie wurden regionale, nachwachsende oder recyclingfähige Materialien konkret eingesetzt? 

Bei der Konzeption unserer Dauerausstellung war uns bewusst, dass die verwendeten Materialien über viele Jahre hinweg einer hohen Besuchsfrequenz standhalten müssen. Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit waren daher zentrale Kriterien. Gleichzeitig sollten die Materialien möglichst natürlich sein, um zum Konzept unseres Passivhauses zu passen und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.

Ein besonders wichtiger Aspekt war für uns die Umweltfreundlichkeit sowie die Möglichkeit zur Wiederverwendung der eingesetzten Materialien. So fiel die Wahl auf nachwachsende Rohstoffe: Beispielsweise verwenden wir Fichtenholz, das mit einer umweltfreundlichen Lasur behandelt wurde. Einige Ausstellungsboards und Sitzgelegenheiten wurden zur besseren Beständigkeit mit Linoleum aus Rapsöl überzogen.

Andere Sitzgelegenheiten bestehen aus gesammeltem Plastik, welches aufbereitet und in einem 3D-Drucker zu Sitzmöbel umfunktioniert wurde. Die Bestuhlung wiederum stammt aus anderen Museen: Ausrangierte Stühle wurden aufgearbeitet und bei uns neu eingesetzt.

Natürlich gibt es noch viele weitere Beispiele in unserem Haus. Dennoch mussten wir bei einigen Elementen auf weniger umweltfreundliche Materialien zurückgreifen – insbesondere dort, wo spezielle Anforderungen wie bestimmte Brandschutzklassen erfüllt werden mussten und keine geeigneten Alternativen auf dem Markt verfügbar waren.

Unser genereller Anspruch bleibt jedoch, sämtliche Materialien nach ihrer Nutzung weiterzuverwenden – sei es erneut in der Dauerausstellung oder im Rahmen unserer Sonderausstellungen.

Welche Station oder welches Ausstellungselement würden Sie als besonders eindrucksvoll oder wirkungsvoll im Hinblick auf ökologische Bildung bezeichnen?

Bereits der erste Ausstellungsbereich hat eine starke Wirkung: Unsere Gäste begegnen hier dem Planeten Erde – in all seiner Schönheit, aber auch mit der Geschichte seiner Entwicklung und der wachsenden Einwirkung des Menschen. Diese Einführung vermittelt eindrucksvoll, wie lange und in welchem Ausmaß der Mensch das Leben auf der Erde beeinflusst.

In der gesamten Ausstellung setzen wir auf starke visuelle Elemente: Zahlreiche Grafiken und Kunstwerke machen komplexe Zusammenhänge wie den Klimawandel und seine Folgen anschaulich und leicht verständlich.

Gleichzeitig war es uns wichtig, nicht nur Problemlagen zu thematisieren, sondern vor allem konkrete, positive Anwendungsfälle aus unserer Lebenswelt aufzuzeigen, die bereits existieren. Wir präsentieren beispielsweise eine Vielzahl von Alltagsprodukten, die – statt aus Erdöl – aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen. Das „Restaurant Erde“ zeigt spielerisch, wie nachhaltige und gesunde Ernährung gelingen kann. Unsere Herbarwand und der Museumsgarten veranschaulichen die vielfältige Nutzung von Pflanzen. Und wie funktionieren all die erneuerbare Energien überhaupt? Auch das kann durch Mitmachen und Anfassen hautnah erlebt werden.

Gerade diese Verbindung aus der Darstellung menschlicher Einflüsse und der Präsentation alltagstauglicher Lösungsansätze macht unsere Ausstellung aus unserer Sicht besonders wirkungsvoll für die ökologische Bildung.

Was sind die Vorteile bei der Zusammenarbeit mit vielen Kooperationspartnern (KoNaRo, TUM, C.A.R.M.E.N. e. V.) in der Praxis? Unter welchen Voraussetzungen kann dieser kollaborative Ansatz als Blaupause für andere Museen dienen?

Das NAWAREUM ist Teil des Technologie- und Förderzentrums im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe (TFZ). Bereits bei der Entwicklung der Ausstellungskonzeption und Inhalte waren zahlreiche Expertinnen und Experten des TFZ sowie von C.A.R.M.E.N. e. V. involviert. Die Ökobilanzierung wurde durch Forschende der Technischen Universität München (TUM) durchgeführt.

Diese fachliche Nähe ist für uns ein großer Gewinn. Sie ermöglicht uns nicht nur fundierte Inhalte, sondern auch einen kontinuierlichen Austausch. So arbeiten wir auch heute eng zusammen, um unsere Dauerausstellung weiter zu optimieren, gemeinsame Veranstaltungen durchzuführen und Synergien zu nutzen, zum Beispiel in der Öffentlichkeitsarbeit.

Was möchten Sie anderen Museen oder öffentlichen Einrichtungen mit auf den Weg geben, die nachhaltiger werden möchten?

Es ist nicht leicht, allgemeingültige Empfehlungen zu geben, denn die Rahmenbedingungen unterscheiden sich stark. Wir hatten den großen Vorteil, ein neues Gebäude mit nachhaltiger Bauweise von Grund auf mitgestalten zu können.

Viele Museen hingegen befinden sich in Bestandsgebäuden, die sanierungsbedürftig sind, und haben bei der Energieversorgung weniger Spielraum. Wenn jedoch ein Neubau ansteht oder ausreichend Mittel für eine Sanierung vorhanden sind, sollte Nachhaltigkeit unbedingt von Anfang an – also schon in der Planungsphase – mitgedacht werden. Das ist mittlerweile zum Glück auch gängige Praxis.

Mehr Spielraum gibt es bei der Beschaffung: Hier lassen sich beispielsweise gebrauchte Möbel, Vitrinen oder andere Ausstattungsgegenstände nutzen. Es gibt dafür spezielle Austauschplattformen, etwa beim Deutschen Museumsbund oder innerhalb der bayerischen Behörden (zum Beispiel eGon). Auch hier lohnt es sich in den Austausch zu gehen und Kooperationspartnerinnen und -partner zu suchen. Wir selbst haben viele Einrichtungsgegenstände über Kleinanzeigen oder unsere lokale Abfallwirtschaft (ZAW Straubing-Bogen) gefunden.

Auch im Bereich Printprodukte lässt sich viel bewirken – etwa durch nachhaltige Druckverfahren und reduzierte Auflagen. Insgesamt gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, nachhaltiger zu handeln. Oft sind es gerade die kleineren Schritte, die in der Summe viel bewirken können.